Organtransplantation

Der menschliche Körper – ein Mittel zum Zweck?

EFiD-Studientag: ethische Kontroversen im Dialog


Spendebereitschaft ist das zentrale Thema der medialen Auseinandersetzung mit Fragen zu Organspende und Organtransplantation. ‚Ich schenke Dir mein Herz’ ist ein Slogan, der dafür gern verwendet wird. „’Ich schenke Dir meine Herzklappen’ hätte nicht annähernd die gleiche Überzeugungskraft“, erklärte Kristina Dronsch bei einem Studientag zu ethischen Fragen im Kontext der Organtransplantation. Es fehle in der aus öffentlichen Mitteln finanzierten Aufklärung – beispielsweise durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – nicht nur die ethische Dimension, bemängelte die promovierte Theologin. Es werde darüber hinaus weder die Komplexität noch die Ambivalenz dieses Medizinzweiges und der damit verbundenen Entscheidungen dargestellt.


Die in der Organspendewerbung verwendete Metapher der Spende übertrage den medizinischen Vorgang der Organübertragung auf einen außermedizinischen Bereich. „Metaphern verbergen und heben hervor. Der Begriff der Spende hebt den altruistischen Akt hervor, verbirgt jedoch das damit unausweichlich verbundene eigene Sterben und den medizinischen Vorgang der Explantation der Organe“, erläuterte Dronsch. Es werde damit versucht, zur Organspendebereitschaft zu überreden.


„Niemand hat ein Recht auf die Organe eines anderen Menschen!“, stellte Ulrich Eibach klar. Eibach, Professor für Systematische Theologie und Ethik, war mehr als 25 Jahre als Seelsorger an der Universitätsklinik Bonn, einer Transplantationsklinik, tätig. Der menschliche Körper sei kein Besitzgegenstand sondern Träger unseres Menschseins. Das gelte auch für den verstorbenen Körper. Das Leben, ein Geschenk Gottes, falle mit dem Tod nicht zurück in den Besitz der Angehörigen oder der Gesellschaft, sondern in Gottes Hand.


Dennoch habe er persönlich sich - angesichts schwer kranker Menschen, deren Überleben von einer Organtransplantation abhängt - zur potentiellen Organspende bereit erklärt. Eine sittliche Pflicht oder ein Gebot der Nächstenliebe sei die Bereitschaft zur Organspende allerdings nicht. Denn dann wäre es moralisch und sittlich nicht zu rechtfertigen, das zu verweigern. In jedem Fall aber beinhalte Nächstenliebe, Angehörige in diese Entscheidung einzubeziehen. „Mit dem Argument der Nächstenliebe Druck auf andere zur Organspende auszuüben sei hingegen Manipulation“, so die Quintessenz des Theologen.


Ob die Spendebereitschaft die einzige zentrale Frage sei, die gestellt werden müsse, fragte Alexandra Manzei. „Je erfolgreicher die Transplantationsmedizin ist, desto expansiver ist sie – und desto mehr Organe benötigt sie. Aber selbst wenn alle 80 Millionen Deutschen einen Organspendeausweis hätten, gäbe es nicht genug Organe“, stellte die Gesundheitswissenschaftlerin, die an der Philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar lehrt, klar. „Organe von Leichen – kalt und steif – können wir nicht verpflanzen. Wenn das ginge, hätten wir keinen Organmangel.“


Problem sei nicht die mangelnde Spendebereitschaft sondern der ständig steigende Bedarf von Spenderorganen. Die Funktionsraten der Transplantationen und die damit verbundenen steigenden Retransplantationsraten seien hierfür ursächlich. Aber auch zunehmende Multiorgantransplantationen seien mitverantwortlich, „weil man davon ausgeht, dass die Organe dann besser funktionieren“. Andere Therapieoptionen würden zu wenig weiterentwickelt, die Prävention sei unzureichend. „Viele Organschäden entstehen durch Zivilisationskrankheiten und Medikamentenverordnungen, die zwar billig dafür aber organschädigend sind“, erklärt Manzei. „Müssen wir an dieser Königsdisziplin festhalten? Oder fördern wir nicht lieber eine Medizin, die nicht die Verwertung sterbender Menschen voraussetzt?“


Der Hirntod sei nach dem Verständnis der meisten Ärzte der Tod des Menschen, hielt dem Thorsten Doede entgegen. Der Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation, der vorher als kinderchirurgischer Oberarzt für die Betreuung lebertransplantierter Kinder zuständig war, erläuterte, dass bei einem Menschen mit Hirnversagen durch die Beatmung der Kreislauf aufrechterhalten werde. „Die Fortsetzung dieser Intensivtherapie führt letztlich regelhaft zum Zusammenbruch des Kreislaufes.“ Der Zeitraum könne dabei von Stunden bis zu Monaten, in dem schwangere Hirntote noch von lebensfähigen Kindern entbunden werden können, reichen. „Ich bin ich, weil mein Hirn so ist, wie es ist. Ich bin nicht ich, weil mein Herz so ist, wie es ist!“, davon ist Doede überzeugt und hält die Hirntoddefinition für eine vertretbare Grenze zwischen Leben und Tod. Manzei jedoch warnt: „Es wird immer neue Versuche geben, die Grenze zwischen Leben und Tod weiter in Richtung Leben zu verschieben, um ausreichend Organe zu bekommen.“


Das mechanistische Menschenbild der modernen Medizin und auch der Transplantationsmedizin widerspreche dem Menschenbild der hebräischen Bibel, erläuterte Ruth Poser. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Evangelische Theologie an der Universität Marburg erläuterte, dass in der hebräischen Bibel Körperlichkeit und Lebendigkeit sehr eng zusammengedacht werden. „Der Mensch wird als psychosomatische Einheit verstanden, er wird allein durch Gottes Atem belebt. Nimmt Gott seinen Atem zurück, tritt der Mensch in die Sphäre des Todes ein.“ Tod und Leben würden nicht getrennt gesehen, sondern griffen ineinander. Sterben werde als ein Prozess begriffen, der Klage und Trauer einschließe. „Menschliche Lebendigkeit an die Hirnfunktion zu binden, erscheint schöpfungstheologisch höchst problematisch."


Könne ein Mensch nicht mehr aus eigenen biologischen Voraussetzungen weiterleben, dann sei er jemand, der sterben werde, erläuterte Harald Terpe. Der Arzt und Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen verortet hier auch die Menschen, deren Gehirnfunktionen vollständig und irreversibel ausgefallen sind. „Ein funktionierender Hirnstamm ist notwendig für die eigenständige Atmung. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit können wir sagen, das Leben ist zu Ende, wenn es keine Sauerstoffversorgung mehr gibt.“ Dann trete und zwar relativ schnell der Tod ein. Die Intensivbeatmungstherapie habe dazu geführt, dass nicht mehr nur über Tod und Leben nachgedacht werde, sondern auch über Optionen. „Wir haben daher nicht nur die Ethik des Lebensschutzes sondern neu auch eine Ethik des Sterbenlassens zu bedenken.“


Zwar sei mit der Novellierung des Transplantationsgesetzes eine sehr weitreichende gesetzliche Regelung getroffen worden, die verhindere, das leichtfertig Organe bei Todgeweihten entnommen werden könnten. Terpe übte aber zugleich Kritik an den Richtlinien der Bundesärztekammer bezüglich der Feststellung des Hirntodes. „Die Richtlinien sind 13 Jahre alt, sie entsprechen nicht mehr dem aktuellen Stand der Wissenschaft.“ Terpe ist dennoch überzeugt, dass „wir bei dieser ganzen Sterbeproblematik nicht ohne ärztliche Fachkenntnisse auskommen werden, nur ist die Ärzteschaft hier nicht allein fachkompetent“.


Dass nicht nur ärztliche Kompetenz Einfluss nimmt auf die Behandlung von Patientinnen und Patienten, sondern auch Wertvorstellungen, machte die Gendermedizinerin Vera Regitz-Zagrosek deutlich. Anhand ihrer Forschungsergebnisse zeigte die Professorin für Frauenspezifische Gesundheitsforschung mit Schwerpunkt Herz-Kreiskauf-Erkrankungen, dass Frauen bei der Organtransplantation massiv benachteiligt werden. Sie würden überhaupt erst als Transplantationskandidatinnen in Betracht gezogen, wenn ihre Erkrankung im Vergleich zur männlichen Kohorte deutlich weiter fortgeschritten sei und sie stärkere Erkrankungssymptome zeigten als Männer. Sind sie, bei schwerer Erkrankung, dann doch auf die Warteliste zur Organtransplantation gelangt, so zeigen sich für Frauen längere Wartezeiten bis zur Transplantation, zumindest bei Nierenerkrankungen. Bei Nierenerkrankungen im Endstadium werden Frauen darüber hinaus seltener transplantiert als Männer.


Zum sehr ausgeprägten Gendergap zuungunsten der Frauen bei der Organtransplantation gebe es bisher zu wenig adäquate Forschung. Die fehle auch im Bereich der Therapieoptimierung, obwohl mittlerweile bekannt sei, dass beispielsweise die Reaktionen auf Medikamente deutlich geschlechtsabhängig sind. Für die Internistin ist daher die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dass Männern noch immer ein höherer Wert beigemessen wird. 


Der Studientag fand in Kooperation der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) mit dem Frauenwerk im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers statt. Gefördert wurde er aus Mitteln der Hanns-Lilje-Stiftung.

Unser aktuelles Positionspapier zur Organtransplantation finden Sie >>> hier.