Filmtipp „Identitti“ – Wenn die Seele entkolonialisiert werden muss

Titel: Identitti * Regie: Randa Chahoud * Länge: 103 Minuten * Wichtige Darsteller*innen: Amanda Babaei Vieira (Nivedita Anand), Stephanie Eidt (Prof. Saraswati), Sabrina Setlur (Kali) * Buchvorlage: „Identitti“ von Mithu Sanyal * Kinostart: 12. November 2026

Gesehen von den Filmfreund*innen : Irina Grassmann, Susanne Claußen, Antje Schrupp, Ulrike Kress


Randa Chahouds Film nach Mithu Sanyals Bestseller „Identitti“ hat einen außergewöhnlichen Plot: Eine Studentin findet heraus, dass die gefeierte Professorin für Postcolonial Studies, die jahrelang als Woman of Color aufgetreten ist, eigentlich weiß ist. Damit verhandelt der Film radikal und sehr persönlich Fragen von Identität, Zugehörigkeit und strukturellem Rassismus. Die Studentin ist Nivedita (gespielt von Amanda Babaei Vieira), die für ihren Podcast den Alias „Identitti“ nutzt. Nivedita hat auch ein Alter Ego: die Göttin Kali, gespielt von Sabrina Setlur, die sie immer wieder herausfordert, ihr Ratschläge gibt und sie zum Handeln ermutigt. Bis auf einen letztlich verzichtbaren Freund Niveditas ist die Geschichte fast vollständig mit Frauenfiguren bevölkert, und die Beziehungen zwischen ihnen tragen den Film. Wer das Buch kennt, vermisst vielleicht noch mehr Tiefe im Beziehungsgeflecht, aber die Hauptfiguren sind glaubwürdig gezeichnet und von den Darstellerinnen authentisch gespielt. Ihre Leistung, die Filmmusik, Regie und Kameraführung holen die Handlung in fast körperlich erfahrbare Nähe.

„Identitti“ ist gesellschaftlich am Puls der Zeit: Cancel Culture, kulturelle Aneignung, die Frage, wer sich als „of Color“ verstehen darf und wer das entscheidet – all das wird verhandelt, ohne in einfache moralische Urteile zu flüchten. Gerade ein zentraler Konflikt zwischen Loyalität zu einer Freundin und politischer Verantwortung bleibt bewusst ungelöst. Das lässt den Film lange nachwirken. „Identitti“ spielt filmisch mit surrealen Elementen, Transzendenzeinbrüchen, Tanzeinlagen, führt verschiedene Erzählweisen collagenähnlich zusammen und folgt damit dem Stil der Buchvorlage. Wie das Buch erzählt der Film „Identitti“ auch vom Attentat in Hanau 2020, das in Mithu Sanyals Realität beim Schreiben hereinbrach. Neun Menschen mit Migrationsgeschichte wurden dabei durch einen rassistischen und rechtsterroristischen Angriff ermordet. Das wirkte auf uns unterschiedlich: für manche erschienen die Ereignisse in Hanau im Film aufgesetzt und instrumentalisiert; andere sahen darin einen notwendigen, weil tatsächlich passierten Bruch, der die intellektuelle Debatte in reale Gewalt und Verlust erdet. So oder so, am Ende lässt der Film dramaturgisch etwas nach. Das tut unserem Gesamturteil aber keinen Abbruch: Reingehen! Es lohnt sich.    


Filmempfehlung für:

Alle, die bereit sind, sich auf Fragen von Rassismus, Identitätspolitik und Zugehörigkeit einzulassen, ohne fertige Antworten zu erwarten. Für alle, die sich für die Perspektive migrantisch geprägter Menschen interessieren. Für alle mit Lust an filmischem Experimentieren. Für die, die das Buch schon gelesen haben – und die, die es noch nicht kennen!