Magdalena Skopnick – Kriminalbeamtin a.D., heute interkulturelle Arbeit mit Frauen

Wermelskirchen, 19.11.2011

„Deutschland ist
ein Einwanderungsland“

Deutschland hat eine lange Migrationsgeschichte von mehr
als hundert Jahren. Die Einwanderung und die Gestaltung der Integration sind
immer wieder große Herausforderungen, denen sich die Gesellschaft, die Kirchen
und somit auch die christlichen Frauen /Frauenverbände Deutschlands stellen
müssen. Die einen sehen eine große Bedrohung in der Zuwanderung, die anderen
sehen eine moralische Verpflichtung und einegroße Chance Fremde aufzunehmen.

Zurzeit leben in Deutschland ca. 15 Millionen
Zugewanderte bzw. deren hier geborene Nachkommen.Fast 20 % habensomit einen Migrationshintergrund.

Frauen machen weltweit ca. die Hälfte der Menschen, die
migrieren, aus.

Grund hierfür ist hauptsächlich der Familiennachzug,
dicht gefolgt von der eigenständigen Arbeitssuche, um einer wirtschaftlichen
desolaten Situation zu entkommen.Ebenso
sind Flucht und Vertreibung wichtige Gründe das Heimatland zu verlassen.

Die Ursachen der zunehmenden Feminisierung der Migration
liegen in der grenzüberschreitenden Arbeitsmigration von Frauen. Junge ledige
oder auch ältere verheiratete Frauen und Mütter verlassen ihr Heimatland aus
eigenem Entschluss, um im Ausland Geld zu verdienen.

(In vielen Ländern machen die Rücküberweisungen von
Migrantinnen ca. bis zu 50 % des Volkseinkommens aus).

Die bisherigen Geschlechterrollen verändern sich, ohne
dass sich die typischen Frauenbereiche ändern. Die Frauen treten nicht als
potentielle Arbeitskräfte in Erscheinung, lediglich in informellen, niedrig
entlohnten Arbeitsmärkten.

Doch genau diese Frauen tragen die Verantwortung für die
Erziehung der Kinder, die religiöse Erziehung, die Verantwortung in der Familie
und tragen zusätzlich noch die Bürde der Familienehre!


Viele stammen ausuns fremden Kulturen mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit.
Dadurch bedingt verändert sich unsere Gesellschaft; die aufnehmende
Gesellschaft gewinnt an neuen Erfahrungen, neue Sitten und Gewohnheiten
entwickeln sich. Die zugewanderten Frauen sind häufig verunsichert über die
Sitten und Gewohnheiten der einheimischen Bevölkerung.

Unser Grundgesetz gibt uns klare Richtlinien vor, wie z.
B.

  • Die Würde des Menschen ist unantastbar!
  • Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich!
  • Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit
    des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich!
  • Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet!

Christen sind aufgefordert die biblische Botschaft für
den Umgang mit Fremden zu beachten!Als Mitglied der katholischen Kirche, die in vielen
Bereichen von Frauen geprägt und getragen aber von Männern geführt wird,
unterstütze ich die Forderung der katholischen Frauen Deutschlands (auch die
des ökumenischen Forums christlicher Frauen Europas).

„Die Kirche hat
Zukunft, wenn sie sich in konkreten Alltagsfragen an Jesu Handeln
orientiert.“

Es wurde vom Verband der katholischen Frauen
Deutschlandsein Thesenpapier zur
Zuwanderung und Migration erarbeitet.

Diese Forderungen können und dürfen sich nicht nur auf
Runde Tische, Vortragsabende, Workshops und Tagungen beschränken.

Für die Arbeit der Frauen in unserer Gesellschaft
undin den christlichenGemeinden ist insbesondere die These wichtig:

„Klischees, die diskriminieren, die den Prozess der
Integration behindern, sind abzubauen!“

Beispiel: Es wird in den Medien immer wieder von
„Muslimen“ gesprochen; Viele EinwanderInnen definieren sich in erster Linie
nicht über ihre Religion. Sie werden von der Mehrheitsgesellschaft oder von
Politikern religiös definiert. Viele Menschen muslimischen Glaubens sind
religiös nicht besonders aktiv. Aus diesem Widerspruch erwachsen Spannungen
(bei uns Christen kann das auch unterschiedlich bewertet werden:
Kirchenmitgliedschaft; aktive religiöse Praxis etc.). Haben Sie schon einmal in
den Medien gehört. Die Christen aus Wermelskirchen, Remscheid, Portugal oder
Italien…

Ein ähnliches diffuses und vieldeutiges Bild geben
islamische Gemeinschaften in unserem Land ab. Eine ägyptische Ärztin, eine
iranische Dolmetscherin, und eine bildungsferne Frau aus Anatolien können doch
nicht als Muslime definiert werden!

In meiner langjährigen interkulturellen und
interreligiösen Arbeit erschrecken mich immer wieder die Unwissenheit und die
Gleichgültigkeit der Einheimischen wie auch der Zugewanderten, sich mit dem
Fremden und der daraus entstehenden Problematik auseinanderzusetzen.

Das bedeutet für den Bereich der Integration von Frauen
unterschiedlicher Konfessionen „ konfliktfähigund dialogfähig zu werden, sich aufrichtig um ein gegenseitiges
Verstehen zu bemühen. Neben dem interreligiösen Dialog ist es in unserer
multikulturellen Gesellschaft sehr wichtig, sich mit Menschen
auseinanderzusetzen, die nichtreligiös sind.

Schauen wir uns kurz die Fakten an:

Wie sieht es aus in Wermelskirchen, Hückeswagen und
Radevormwald und Remscheid?

Wermelskirchen:E35.437

AusländerInnen:1790 = 5,05%

Hückeswagen:E: 15 643

AusländerInnen:946= 6,06%

Radevormwald:E:23708

AusländerInnen:2112= 8,91 %

Remscheid:E: 113.527

AusländerInnen:32.739 = insg.28,8
%

Die Gruppe der SpätaussiedlerInnen ist als eigene Gruppe
schwer zu erfassen, da sie als deutsche Staatsbürgerinnen nach der Aufnahme
nicht mehr eigens statistisch erfasst werden.

Die größte Problematik, die aus dieser Zuwanderung von
Frauen entsteht, sind mangelnde soziale Kontakte und Vereinsamung!

Gerade im karitativenBereich sind beidechristlichen
Kirchen in Kooperation mit anderen Verbänden und Trägern der freien
Wohlfahrtsverbände sehr aktiv! Neben den MitarbeiterInnen der Fachdienststellen
leisten hier ehrenamtlich tätige Frauen einen immensen Beitrag!

Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, die
Rat und Hilfe beim Diakonischen Werk suchen beträgt inzwischen ca. 40 %; bei
der Caritasbeträgt der Anteil der
Menschen mit Zuwanderungsgeschichte muslimischen Glaubens ca. 70 %.

Im Bereich derFlüchtlingsarbeit unterstützenKirchen die Arbeitskreise und Gruppen.

Wie sieht es mit der Beschäftigung der Menschen mit
Migrationshintergrund bei den christlichen Kirchen aus?

Die Diskussion in der evangelischen Kirche um Leiharbeit
und Dumpinglöhne können wir in den letzten Wochen in den Medien verfolgen.
Beide Kirchen sind auch Arbeitgeber und stehen in der Kritik! Grundsätzlich
können in der ev. wie auch in der kath. Kirche nur MitarbeiterInnen eingestellt
werden, die der eigenen Kirche auch angehören. Menschen mit anderen
Religionszugehörigkeiten werden häufig nur mit befristeten Verträgen oder als 1
Euro Kräfte eingestellt.

Insbesondere in der Pflegebranche geht es hier bisweilen
sehr unchristlich zu. Mit mancherlei Tricks werden Löhne gedrückt. Der Spagat
zwischen Wirtschaftlichkeit und Nächstenliebe gelingt hier nicht immer! Die
Kirche verliert hier an Glaubwürdigkeit!

Mich erstaunt gerade im Bereich der Hauswirtschaft und
der Pflegealter Menschen in Bezug auf
Migration von Frauen die stillschweigende Akzeptanz der einheimischen
Bevölkerung.

Die letzte Forsa-Umfrage im Auftrag der Minijob-Zentrale
für Rentenversicherungen ergab: 95 % der Haushalte beschäftigen ihre
HelferInnen schwarz. Jeder dritte Deutsche hat dafür Verständnis. Jedervierte gab an, eine Anmeldung sei zu
schwierig.

Das Thema heißt: Frauen entwickeln Visionen!

Beginne ich mit den Visionen, von denenwir schon seit Jahren träumen:

  • Ich wünsche
    mir eine Kirche, in der Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung von Frauen
    und Männern – gleich welcher Herkunft existiert – das sollte endlich umgesetzt
    werden.
  • Ich wünsche
    mir eine Kirche, in der ökumenisches Handeln eine Selbstverständlichkeit ist.

Jetzt träume ich nicht mehr, sondern sehe dieser
folgenden Vision eigentlich hoffnungsvoll entgegen:

  • Ausimmer älter werdenden Frauen in den
    kirchlichenFrauenverbänden mit
    Nachwuchssorgen, sollte sich ein aktives, internationales Netzwerk von Frauen
    mit und ohne Zuwanderungsgeschichte in der Migrationsarbeit kirchlicher Träger
    und Wohlfahrtsverbände entwickeln.
  • Auf
    praktischer Ebene bedeutet es, ein System der Begleitung von MigrantInnen und
    Flüchtlingen aufzubauen bzw. auszubauen. Verstärkt Lotsen, KulturmittlerInnen
    ausbilden, dieauch die Funktion
    vonMultiplikatorinnen haben.
  • Das Thema
    Integration aus Sicht der Frauen zu einem Schwerpunkt der praktischen Arbeit zu
    machen und daraus auch politische Forderungen zu entwickeln.

Es hat sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt,
es ist ein weiter Weg zum respektvollen Umgang miteinander. Handeln ist
dringend erforderlich, Hilfe und Handeln im alltäglichen Leben ist gefragt, um
ein friedvolles Miteinander zu gestalten, um in der Zeit der Krisen und
Umbrüche bestehen zu können.

Fragen, die wir heute überdenken sollten:


Wie nehmen wir im täglichen Leben diese Frauen wahr, von
denen ich gerade gesprochen habe?


Wie können wir aus dem Nebeneinander ein Miteinander
gestalten?

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