Die Berliner Pfarrerin Maike Schöfer wünscht sich einen Feminismus für alle, mehr interreligiösen Dialog und ist eine der wichtigsten kirchlichen Stimmen auf Instagram. | Interview: Anne Lemhöfer
Frau Schöfer, Sie sind Pfarrerin in Berlin-Adlershof. Im Februar wurden Sie an die Spitze des Vorstands der Evangelischen Frauen in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) gewählt. Wie wollen Sie Ihr Amt gestalten?
Mir ist die Frauenarbeit in meiner Kirche sehr wichtig. Mein Feminismus basiert auf dem, was Frauen vor mir erreicht haben. Ich bin dankbar für kirchliche Frauen-Netzwerke wie EFiD und all die feministisch-theologischen Errungenschaften wie die Bibel in gerechter Sprache. Auch wenn ich nicht immer mit der klassischen kirchlichen Frauenarbeit etwas anfangen kann, schätze ich sie und versuche aber gleichzeitig auch neue Impulse hinzuzufügen. Mir sind intersektionale, queere und interreligiöse Ansätze in der Frauenarbeit wichtig. Außerdem bin ich viel auf Social Media aktiv und finde es spannend, den digitalen Raum feministisch-theologisch zu bespielen. Im ersten Corona-Lockdown habe ich mit anderen christlichen Feminist*innen das feministische Andachtskollektiv fAk gegründet. Wir feiern auf Instagram feministische Andachten und teilen dort feministisch-theologische Gedanken. Ich verbinde auch gerne ältere und jüngere Generationen miteinander – mit Mitte 30 bin ich inzwischen ja auch schon in der Mitte angelangt.
Was fehlt Ihnen in der klassischen feministischen Theologie?
Die klassische feministische Theologie ist sehr in der Binarität verhaftet. Es geht darum, patriarchale Gottesbilder zu entmachten, Frauenfiguren in den biblischen Geschichten nachzuspüren. Es blieben aber viele außen vor, darunter lesbische Frauen, trans und inter Menschen, queere Menschen, behinderte Frauen und auch Schwarze Frauen. Ich möchte gerne den Blick weiten hin zu einer queeren Theologie, mit der sich mehr Menschen identifizieren können. Auch mit intersektionalen Ansätzen sollte sich die feministische Theologie befassen, wie mit Rassismus und Ableismus. Es reicht nicht, wenn privilegierte weiße christliche Frauen in guten Positionen von sich sagen können, dass sie sich befreit haben.
„Gott ist superqueer“ haben Sie mal in einem Interview mit dem Spiegel gesagt. Wie kommen solche Aussagen in Ihrer Gemeinde an?
Meine Gemeinde in Adlershof ist sehr offen. Teilweise habe ich in Berlin-Mitte mehr Queerfeindlichkeit zu spüren bekommen als hier am Stadtrand, außerhalb des S-Bahn-Rings. Natürlich habe ich trotzdem ab und zu Kopfschütteln geerntet, Menschen sind mich angegangen, dann habe ich gedacht, okay, ihr findet sicher anderswo einen kirchlichen Ort. Meine queeren Andachten sonntags um 18 Uhr ziehen aber ein großes Publikum aus der ganzen Stadt an, nicht nur queere Menschen, auch viele Ältere. Ich beobachte immer häufiger, dass Menschen gern themenorientierte oder communityorientierte Gottesdienste besuchen und nicht unbedingt an ihre direkte Nachbarschaft gebunden sind.
Was macht eine queere Andacht aus?
Ich lasse die Besucherinnen und Besucher viel mehr partizipieren als sonst. Ich kann gut darauf verzichten zu predigen. Alle dürfen das Evangelium predigen. Das ist wunderbar empowernd für Menschen, die Kirche schon als schädigend erlebt haben. Wir beten nicht unbedingt lobpreisend zu Gott, manchmal ist es eher ein „Ich schreie dich an, Gott“, ein bisschen wie in den Psalmen. Es gibt in der Andacht keine liturgischen Gesänge, alles ist sehr niedrigschwellig. Wir singen andere Lieder und gehen sensibel auf Menschen ein, die auch Gewalterfahrungen in der Kirche gemacht haben. Es kommen auch Omis und Opis dazu, die lange ungeoutet waren und sich jetzt zur queeren Community zugehörig fühlen. Ich möchte den Feminismusbegriff ausweiten, denn auch viele Männer leiden unter dem Patriarchat.
Muss die Kirche digitaler werden?
Ja und nein. Nicht jede Gemeinde muss ein breites digitales Angebot haben. Wenn es aber medieninteressierte und begabte Menschen aus Gemeinden gibt, sollten diese auch gefördert und unterstützt werden. Auf landeskirchlicher Ebene aber ist ein gutes, vielseitiges digitales Angebot unverzichtbar. Ich empfinde die digitale wie auch öffentliche Kommunikation meiner Kirche als weniger stark. Dabei passiert an vielen Stellen Gutes, Neues, Spannendes. Das ist alles schon da. Manchmal sind wir da sehr verharrend im Denken – obwohl ich durchaus auch ein Herz für uns als Gurkentruppe habe!
Welche Insta-Accounts können Sie Menschen empfehlen, die theologisch bislang eher analog unterwegs waren?
Da gibt es zum Beispiel das evangelische Content-Netzwerk Yeet, das zum Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gehört. Dort sind viele Angebote und Content Creator*innen versammelt. Darüber hinaus empfehle ich die Accounts von Sarah Vecera @moyo.me, Lena Müller @metablabla, Tim Lahr @amen_aber_sexy und Theresa Brückner @theresaliebt. Ich finde zum Beispiel, dass unser feministisches Andachtskollektiv fAk so etwas wie ein Fortläufer des alten feministisch-theologischen Magazins „Schlangenbrut“ ist, denn es geht dabei auch um Empowerment an den Strukturen vorbei. Ich selbst bin unter @ja.und.amen auf Insta zu finden.
Mit Ihrem Podcast „331 – 3 Frauen, 3 Religionen, 1 Thema“ engagieren Sie sich auch im interreligiösen Dialog. Erzählen Sie mehr darüber.
Seit vier Jahren spreche ich mit der jüdischen Bildungsreferentin und Judaistin Rebecca Rogowski und der muslimischen Theologin Kübra Dalkilic jeden zweiten Donnerstag über Themen wie Gastfreundschaft, Sexualität und Ehe, Abraham als Urvater ihrer Religionen, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit, Popmusik in der Liturgie oder die Wahlergebnisse der AfD. Jede erzählt aus ihrer ganz eigenen religiösen Perspektive, jede als Expertin ihrer Religion. Wir tauschen uns aus, lachen miteinander, streiten miteinander und bleiben trotzdem immer im Gespräch.
Zur Person:
Maike Schöfer (35) ist evangelische Pfarrerin unter dem Himmel Berlins, queer, feministisch und laut. Sie ist außerdem Vorsitzende der Frauen der EKBO und eine der drei Moderatorinnen des interreligiösen Podcasts des House of One „331 – drei Frauen, drei Religionen, ein Thema“. Am 1. August erscheint ihr Buch „Nö – Eine Anstiftung zum Neinsagen. Ein inspirierendes Buch über Selbstbehauptung und Widerstand“ im Verlag Piper.
