„Wir müssen das Konzept der Nächstenliebe endlich global verstehen“

Joy Devakani Hoppe sitzt im Präsidium von EFiD und wünscht sich eine neue Sichtweise auf Frauen im globalen Süden. | Interview: Anne Lemhöfer


Liebe Frau Hoppe, ein Jahr ist zu Ende gegangen, ein neues beginnt: Was hat Ihnen aus feministischer Sicht gut gefallen 2025?

Joy Hoppe: Wir diskutieren weiter über Schwangerschaftsabbrüche, das Thema ist im öffentlichen Bewusstsein. Das ist gut, auch wenn das Gesetz zur Abschaffung des Paragrafen 218 nicht im Bundestag verabschiedet wurde.

Und was muss 2026 besser werden?

Frauen in der Evangelischen Kirche in Deutschland müssen sichtbarer werden, da hat sich einfach nicht genug getan. Das Thema bleibt auf der Agenda. EFiD leistet sehr viel wichtige Arbeit. Die EKD sollte dies stärker anerkennen und EFiD mehr Raum für ihre Arbeit geben.

Was ist das größte Problem der Kirchen, Ihrer Meinung nach?

Ich bin vor fast 19 Jahren aus Indien gekommen, seitdem lebe ich in Deutschland. Ich merke, dass viele Menschen hier ihren Glauben verloren haben. Und damit auch ihre Orientierung. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich schwieriger, gegen die Machtstrukturen und das Patriarchat zu arbeiten. Wir alle sind als Menschen nach Gottes Bild geschaffen, wir sind alle gleich. Macht über andere dürfte eigentlich niemand haben. Der Glaube könnte einem auch in politischen Diskussionen Halt geben.

Was müsste denn konkret getan werden, um etwa dem Rechtspopulismus und dem Aufstieg der AfD entgegenzuwirken?

Wir müssen das Konzept der Nächstenliebe endlich global verstehen und die Menschen im globalen Süden mit einbeziehen. Dafür gibt es schon lange wichtige Impulse, etwa aus der Befreiungstheologie. Wir müssen moderner predigen, viele Menschen in Deutschland denken, ach, die Kirche ist 500 Jahre alt, die hat nichts mit uns zu tun. Die Angst vor dem Fremden lässt sich überwinden.

Wie zum Beispiel?

Wir müssen mehr Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Die meisten leben heute aber in ihren eigenen Bubbles und Communities, migrantische Communities haben ja auch oft ihre eigenen christlichen Gemeinden und Kirchen. Ich glaube, es ist wichtig, da wieder zusammenzufinden.

Antirassismus-Arbeit ist für das Selbstverständnis von EFiD ganz zentral. Wie können Verbände da besser werden?

Es sind einfach viel zu wenige Migrant*innen in kirchlichen Ämtern. Warum kommen denn so wenige POCs [People of Color = Menschen, die Rassismuserfahrungen machen] in die deutschen Gottesdienste? Offenbar fühlen sie sich nicht als Teil der Gemeinschaft. Ich glaube, wir brauchen da auf beiden Seiten mehr Flexibilität. Alle lieben arabisches oder indisches Essen, aber mit der echten Gemeinschaft tun sich viele Deutsche trotzdem schwer.

Gibt es aus Ihrer Sicht gute Ansätze? Was ist etwa mit dem Weltgebetstag der Frauen, der ökumenisch und international ist?

Ja, der Weltgebetstag… Für mich steckt da einfach zu viel „White Saviorism“ drin, weiße Frauen wollen den armen POCs helfen, die so schreckliche Probleme haben. White Saviorism (dt. „weißes Retter*innentum“) beschreibt ja ein Phänomen, bei dem sich weiße Menschen aus dem Globalen Norden dazu berufen fühlen, Menschen aus Ländern des Globalen Südens durch die Mitarbeit an Entwicklungs- und Aufklärungsprojekten Hilfestellung zu leisten. Das ist sehr kolonialistisch gedacht. Dabei haben Frauen in Deutschland doch auch Probleme! Jede dritte Frau erlebt auch hier Gewalterfahrungen. Wir sollten stattdessen unsere Privilegien und unseren Wohlstand in Frage stellen, und zwar auf grundsätzliche Weise.

Zur Person:

Joy Devakani Hoppe (51) ist Theologin und Pastorin in der Ökumenischen Arbeitsstelle Weitblick, Hamburg. Sie engagiert sich unter anderem in der Arbeit gegen Diskriminierung und Rassismus. Seit zwei Jahren ist sie Mitglied des Präsidiums der Evangelischen Frauen in Deutschland. Die gebürtige Inderin wuchs 200 Kilometer nördlich vom damaligen Madras auf. Als Mitglied der Dalits, der untersten Hindu-Kaste, sei sie rechtlos gewesen und habe keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen. Doch weil ihr Vater zum Christentum konvertiert war und eine Missionsschule leitete, habe sie eine Perspektive gehabt.

Foto von Joy Devakani Hoppe