Frieda Wittenborn, Projektleitung bei EFiD, spricht über Fallstricke bei der Anrede unbekannter Personen, Pronomen in Klammern und genderspezifische Aspekte von Armut. | Interview: Anne Lemhöfer
Frieda Wittenborn, Sie komplettieren seit Kurzem das Team der Geschäftsstelle von EFiD als Projektleitung im Bereich Diversität. Worum geht es dabei?
Frieda Wittenborn: Mein Auftrag ist es, das Profil der evangelischen Frauen*arbeit in Richtung Diversitätsorientierung, Rassismuskritik, Queerfreundlichkeit und Armutssensibilität weiterzuentwickeln. Der Verband hat vor meinem Stellenantritt bereits konkrete Schritte eingeleitet, etwa das aktualisierte Selbstverständnis und die Satzung der Evangelischen Frauen in Deutschland. Demnächst wird EFiD Einzelmitglieder aufnehmen können – darunter natürlich auch trans Frauen und nicht-binäre oder genderqueere Personen.
Erzählen Sie doch bitte mehr darüber.
Ich fange mal mit binär an. Denn die deutsche Sprache ist an der Stelle bekanntlich leider nervig. Sie kennt zwei Geschlechter: männlich und weiblich. Das ist allerdings eine Verengung und trifft sich nicht mit der Realität des Geschlechterspektrums. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eher eine, die zu kurz gekommen ist. Indigene Bevölkerungsgruppen hatten bereits passende Worte, lange bevor die Worte nicht-binär oder genderqueer Verbreitung gefunden haben. Nicht-binär oder genderqueer kann heißen, dass sich eine Person weder männlich noch weiblich definiert oder sowohl als auch. Wo Menschen sich geschlechtlich verorten, kann niemand wissen, außer ihnen selbst. Das hat Auswirkungen darauf, wie wir Menschen ansprechen.
Wie geht man denn am besten im Alltag korrekt damit um, wenn man einer Person begegnet und noch nicht weiß, welche Anrede oder welches Pronomen passt?
Schöne Frage. Solange ich keine Aussage von meinem Gegenüber zu den eigenen Pronomen gehört oder gelesen habe, habe ich keine Klarheit. Dann nutze ich neutrale Anreden. Wenn ausdrücklich gesagt worden ist, dass eine Person gerne binär angesprochen wird, nehme ich die entsprechende binäre Anrede. Kurz gesagt: Auf der sicheren Seite bin ich, wenn ich eine Anrede ohne Pronomen wähle.
Machen Sie es gerne konkret: Wie mache ich das in einer E-Mail?
Ich gebe mal einige Beispiele mit meinem eigenen Namen: Hallo Frieda Wittenborn geht natürlich gut, je nach Tageszeit Guten Tag oder Guten Abend Frieda Wittenborn, etwas informeller vielleicht auch Hey Frieda, Ich grüße dich, Frieda, Frieda Wittenborn, ich grüße Sie. Es gibt also viele Anreden, die passend sind, wenn eine Person keine Pronomen nutzt.
Und so bleibt meine Ansprache offen für nicht-binäre Personen, ohne Zuschreibungen zu machen?
Ein Schritt fehlt noch. Die Anrede ohne Pronomen bedeutet meist, dass auch weitere Worte nicht passen. Gehen wir mal für einen Moment davon aus, Sie selbst nutzen keine Pronomen. Das bedeutet dann vermutlich, dass die Anrede „Liebe“ Anne Lemhöfer unstimmig ist. Das betrifft all die Worte, die in der deutschen Sprache für die Unterscheidung zwischen weiblichem oder männlichem Geschlecht stehen. Worte wie: Kollegin, Referentin, Chefin. Statt Referentin lässt sich manchmal von Projektleitung schreiben, statt Kollegin passt häufig mitarbeitende Person, statt Chefin kann von Führungskraft gesprochen werden.
Wie kann ich andere wissen lassen, welche Pronomen für mich passen?
Sie sagen beim Kennenlernen Ihre eigenen Pronomen. Wenn das nicht von klein auf beigebracht wurde, ist das am Anfang ungewohnt. Neue Gewohnheiten verankern klappt aber auch hier. Sie könnten das auch gemeinsam mit einer oder zwei anderen Personen in Ihrem Team starten. Für E-Mails hat sich etabliert, die Pronomen in die Signatur zu schreiben, direkt hinter dem Namen in Klammern gesetzt. Das kann so aussehen: Maja Schmidt (ohne). Vermutlich kennen Sie die Varianten: (sie/ihr), (er/ihm) oder (er, they), (they/them).
Ja, klar. Vielen Dank für diesen sehr wichtigen Exkurs! Aber nun zu einem anderen Thema, mit dem Sie sich beschäftigen: Sie haben an der Schnittstelle Geschlecht und Armut gearbeitet. Wie ist denn da die Situation im Moment?
Die grundlegenden Problemstellen für Frauen sind lange bekannt. Die Inflation und andere Ereignisse belasten zusätzlich. In den Nachrichten und Studien begegnen uns die Zusammenhänge in Form der Worte „Gender Pay Gap“, „Gender Pension Gap“ oder Ehegattensplitting. Dahinter steckt noch immer: Geschlechterbilder und Rollenvorstellungen sind verengt und die staatlichen Entscheidungen korrigieren das nicht ausreichend. Damit trägt der Sozialstaat die Benachteiligung weiter. Das beginnt nicht erst bei der schlechteren Bezahlung jener Berufe, die vorwiegend von Frauen gewählt werden. Es betrifft die Frage „wer nimmt wie viele Monate der Elternzeit?“ und setzt sich fort in „wer geht in welchem Ausmaß in Teilzeit?“. In der Konsequenz machen Frauen im Durchschnitt erheblich mehr unbezahlte Care-Arbeit und erwirtschaften im Umkehrschluss weniger Rente durch Lohnarbeit. Die Folge: Frauen haben ein höheres Armutsrisiko.
Hatten Sie direkt mit armutserfahrenen Menschen zu tun?
Eine alleinerziehende Mutter mit Armutserfahrung, die ich interviewen durfte, brachte die Absurdität ihrer Erfahrung von vermeintlicher Arbeitslosigkeit so auf den Punkt: „Heute, in meinen Fünfzigern, bin ich im ersten Arbeitsmarkt angekommen. Es heißt, die Mütter seien faul. … Mir ist wichtig: Ich war erwerbslos, nie arbeitslos. In den Maßnahmen des Jobcenters gab es einen Stundenlohn von 1,50 Euro. Dazu kam immer das Hoffen auf Verlängerung. Man will ja, auch wenn die Kinder größer sind, was zu tun haben. Die ganzen arbeitslosen Leute, die ich kenne, die habe ich alle bei der Arbeit kennengelernt.“
Welche besonderen Risikofaktoren gibt es?
Risikofaktoren sind etwa das Alter und das Familienmodell, etwa die Zahl der Kinder, aber natürlich auch extreme Erfahrungen wie Gewalt, Wohnungslosigkeit oder Haft. Was erst nach und nach in den Blick gerät, ist die intersektionale Perspektive, also die Wirkung von Mehrfachdiskriminierung. Rassismus und Flucht sowie Behinderung stellen in Überkreuzung mit Geschlecht spezifische Hürden beim Zugang zu Existenzsicherung und Macht dar. Weiße Frauen haben im Schnitt ein geringeres Armutsrisiko als Schwarze Frauen oder Frauen of Colour. Werkstätten dürfen einen derart geringen Lohn an Menschen mit Behinderung zahlen – das lässt sich durch nichts rechtfertigen. Das berufliche Umfeld von trans Frauen reagiert nach einem Outing im Schnitt negativ und die Frauen werden mit einem Karriereknick oder -abbruch konfrontiert. Lesbische Mütter haben es statistisch mit einem doppelten Gender Pay Gap zu tun.
Was kann man dagegen tun?
Es braucht weiterhin Aufklärungsarbeit, geschlechtsspezifische Finanzbildung und Arbeitszeitmodelle, die Familien mehr Zeitsouveränität geben. Wichtig sind natürlich auch der Ausbau qualitativer Kinderbetreuung und Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen, eine wirklich auskömmliche Mindestrente und Steuermodelle, die nicht dazu anregen, dass in einer Partnerschaft eine Person weniger verdient als eine andere.
Wo kann dabei ein Verband wie EFiD ansetzen, um die Lage zu verändern?
EFiD kann weiter eintreten für die bekannten Lösungsstrategien. Ein Dachverband kann sich gut vernetzen mit den Menschen, die es betrifft, und deren Stimmen stärken.
Zur Person:
Frieda Wittenborn ist Anfang 40 und leitet seit Oktober 2024 bei EFiD das Projekt „Förderung intersektional angelegter Geschlechtergerechtigkeit und Diversität in Kirche und Gesellschaft“. Ursprünglich hat Frieda Wittenborn Philosophie studiert und zuletzt ein evangelisches Demokratienetzwerk koordiniert sowie an der Schnittstelle Armut und Geschlecht gearbeitet. In die Arbeit bei EFiD bringt Frieda Wittenborn Know-how aus der systemischen Beratung ein sowie Ausbildungen in gewaltfreier Kommunikation und in Betzavta (hebräisch für „Miteinander“), das ist eine Methode, die Demokratie fühlbar macht.
